Sonntag, 18. Mai 2014

Glaube II

Menschen, die einen ‚Glauben‘ haben, sind mir ein grausames Bedauern, eine grenzenlose Verachtung - des Lebens und der Wirklichkeit.

Sie werden mir nicht erklären, was Glaube ist. Er ist mir eine widerliche Art der Ergebenheit gegenüber einem Haufen von Schriftzeichen, Buchstaben, Zahlen und Bildern von Vergangenem, das zur Hälfte - im noch wahren Teil - unbegreiflich und grundlos zu sein scheint und zur Hälfte schon deutend verfälscht ist. Schwachsinn ist es also, durch den man die Wirklichkeit der alten Bilder fasst, und Idiotie unser, der alles, was ihr begegnet, nur ein Beweis ist des Sinns.

Glaube ist Grund dieses einzigen einen eingebildeten Sinns.

Es gibt aber nicht nur  e i n e n  Sinn, sondern viele, und jeder Sinn ist nur ein Werkzeug. Der  e i n e  Sinn,  ÜberSinn, Sinn und Begriff über den Dingen, ist genauso viel wert wie - Unsinn. Und was dem EinSinn stets fehlt, ist leibliche Fülle. Glaube ist absolut magerer Leib und zuckende Leblosigkeit geschlachteter Opfer. Ein faules stinkendes saugendes Loch ist er in Raum und Zeit. Und jede wachsende Leiblichkeit vernichtet ihn wieder.

Grund des Glaubens ist Verwundung, Verstümmelung, stets gehört er neu der kranken Seele mit dem verkrüppeltem Leib.

Gläubig ist der geschlagene getretene Hund, hinkendes Dreibein. Gläubig ist die Vergewaltigte, ihrer Organe beraubt, die Ausgestopfte, aus- und eingenommenene HandPuppe, WendeZone männlicher Besitzergreifung, das Weibsgebilde.

Ein schönes Gefäß ist unser Glaube, in dem sich aller allzu menschliche Unrat sammeln lässt.