Sonntag, 4. Mai 2014

d/b

Eine winzige Drehung, ein kleiner Schnitt, macht aus Leid: Leib. Leiber wollen aneinander gereiht sein und nicht verflixt und genäht ewig verdreht zum Leid. Kafka ist Text als Leib und braucht also die Nähschere nicht. Kann ein FederStrich und kleines Zeichnen den großen Sinn der Beschneidung flicken. Wie lässt sich Unsinn wieder her stellen? Wie kann Freundschaft alte Liebe hin richten?

Ich weiß nicht, was Freundschaft ist, denn es gibt sie nicht. Sie ist schwarz mir im Sinn und vor den Augen und ich habe Angst davor. Ich weiß nicht, was Liebe ist, aber ich habe eine leise Ahnung, eine schlichte lichte Vorstellung davon.

Freundschaft ist etwas ganz fremdes Äußerliches, eine rein dingliche Beziehung, für deren Widerspiegelung der Mensch aber ein Organ in sich hat. Die größten Schwachköpfe halten das Wahrnehmungsorgan selbst für eine freundliche Eigenschaft. Sie sind außer sich, wenn sie freundschaftlich empfinden. Sie sind der Wunsch zur Ware, das hohe Wissen zum vermeintlich niederen Ding. Freundschaft ist der schlimmste Betrug. Aus ihr kommt am Ende die Frage nach Sinn und die größte Enttäuschung.

Liebe ist scheinbar noch über der Freundschaft, ihr hoher gefährlicher Sinn. Mein Schein ist sie hinter dem andern und dessen grauer Schatten, der meinen Leib bezeichnet, berührt. Leiblich scheint sie zu sein und ist doch der Feind jedes Lebens. Sie ist an mir dunkel und kalt und schwächt Herz und Seele mir.

Mene, mene: Freundschaft bewertet, tekel: Liebe ist hoher Vergleich und das Wagnis der allen gemeinen Körperlichkeit, uparsin: Freundschaft erfüllt sich in Sinnlosigkeit und Ruhe und Stillstand aller Gedanken, wunschloser Hilflosigkeit, man weiß plötzlich um den Leib, höchste Zeit ist es nun, reine Liebe zu sein, Geist los und absoluter Unsinn, Willen los, zum letzten Opfer bereit.

Warum wurde in der Bibel der alte König gefressen und nicht sein ewig freundliches Ersatzmännlein der Weisheit? Weil er dem König offensichtlich nicht die Wahrheit gesagt hat. Er hat eine TextLeiblichkeit vollkommen nur an die andere gereiht. Gegenseitig haben seither sich alle Bedeuter nur wollüstig vom eigenen Sinn befreit.

Der Sinn ist das kleine Zeichen an der Waage, das in der Mitte scheinbar das Gleichgewicht hält. Das Zeichen muss ewig gewollt uns begleiten, es gehört wie die Unruhe zur Uhr und der erlösende Schlag, der unmenschliche Rest Wirklichkeit, das vergehende Selbstbewusstsein am schmarotzender Leib, die reine Wollust für sich, die blühende Glut, die Schönheit eines tierischen Leibs. Die Unruh ist die scheinbare Ewigkeit der Maschine und jeder Schlag kündet vom Untergang.

Das gehört alles zur Maschine, die ich nicht mehr sein will. Ich glaube an die Möglichkeit des einigen einzigen befreiten Leibs. Jedenfalls verfliegt an mir jeder GespenstGlaube und vor mir vergeht jede blöde Freundschaft in Schall und leere Liebe in Rauch. Texte sollen hingehen und die letzte Erinnerung daran auch.

Braucht ein Text einen hässlichen Umschlag? Zettelchen wollen nicht eingebunden sein. Brauchen sie Leibeigenschaft oder sinnliche Leibfreilichkeit?

Die Geschichte der Menschheit geht anders herum: Eine Not macht das wollüstige Tier willenlos in sich und sinnvoll im Außen. Ein Wesen kommt zur Welt, dem die Not die leere Liebe erzwingt, den reinen Trieb und auf die oberflächliche Freundschaft, die MittTeilung von Zeichen ständig verweist.

Die kleine Schere (Krim) ist der Sinn der Großen Gerechtigkeit (Literatur), die es in Wirklichkeit natürlich nicht gibt. Die Wirklichkeit ist ein vollkommen auf sich bezogener und absolut leiblich befreiender Unsinn. Sie überwindet wie der Hunger den satten Leib, der sich bewusstlos im Gleichgewicht wähnt.

Und jedes Mal wieder greift der Wahnsinn hin. Dem einen ist es die Sinn-Ejakulation, dem andern zerreisst es einfach den Leib. Wie sich doch Geschichte und gedichtete leibliche Geschichten ewig gleich wiederholen und immer sind die Auslöser der gewaltigen Sinnergüsse die gleichen.

Mach dich von einem Freund abhängig und er ist sofort dein schlimmster Feind.

Befrei' dich von der Liebe und du hast sofort einen absolut reinen - Abgang in die Wirklichkeit. Der reine Leib hat ein Kreuz und hängt nur in tiefster Wollust bei einem andern. Die tiefste Lust verspürt er, wenn er kreuz und quer mit der Peitsche über den Rücken eines tierisch geilen Weibchens streicht.

Greif einfach zur winzigen Schere der nächsten Nähe, den kleinen Zipfel am Großen Gehalt, und du begreifst, was Araber und Schakale wirklich verbindet. Es ist nur dein Untergang in den Hunger und die wollüstigste Übersteigerung jeder Wirklichkeit.

Vergiss bloß die Peitsche nicht, gehst du zu Weib und Freund. Oder ein Lederpaddel? Oder nimm den Araber - was das auch immer sein mag - 'mit der Allmacht deiner vermögenden Hände'. Der Araber ist vielleicht ein spitzer Stift mit Radiergummi, und alle Wort-Schakale wollen von ihm nur die buchstäbliche Reinheit? Am Ende fallen Beruf und Schreiben auseinander und sich in den Arm, klappen zusammen Autorität/Geist und Leib. Gute Nacht, Geschichte!  


Übrigens: das Weib ist der Freund, der lügt und betrügt, wenn die Liebe des Mannes kurz weg ist und anschaffen geht.